Sauberkeit beginnt in der Kindheit – wie entsteht Hygienebewusstsein?
Wann beginnt eigentlich unser Hygienebewusstsein?
Oft viel früher, als wir denken – in der Kindheit.
In dieser ersten Folge von „Sauber macht glücklich“ geht es um Elternhaus, Kindergarten, Schultoiletten und die Frage, wie Kinder Sauberkeit und Hygiene lernen.
Muss Hygiene als Pflicht vermittelt werden? Oder kann sie etwas Positives sein – eine Form von Selbstfürsorge, Wohlbefinden und Wertschätzung für den eigenen Körper?
Tim Baral spricht darüber, warum Regeln allein noch kein echtes Hygienebewusstsein schaffen und weshalb unsere frühen Erfahrungen mit Sauberkeit uns oft ein Leben lang begleiten.
Denn Veränderung beginnt mit Bewusstsein.
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Tim Baral präsentiert „Sauber macht glücklich“, der Hygiene-Podcast. Von und mit Tim Baral, als Interviewpartner Siegfried Lachmann.
Siegfried Lachmann: Herzlich willkommen, meine sehr verehrten Damen und Herren, zu einer neuen Podcast-Ausgabe aus der Reihe „Sauber macht glücklich“, und heute im Dialog mit Tim Baral. Das Thema: Wenn Sauberkeit, dann bitte von Anfang an – wie wir Hygiene schon in Kindheit und Jugend verankern können. Tim, ich grüße dich.
Tim Baral: Ja, hallo, lieber Sigi.
Siegfried Lachmann: Du, ich sag’s ganz offen: Wenn ich an meine Kindheit denke, da hieß Sauberkeit oft: „Wasch dir die Hände, bevor du isst“, oder, der war noch viel besser: „Putz dir die Zähne, sonst kommt der Zahnarzt.“ Der kam aber nicht vorbei, ich muss immer hin zu ihm. Aber niemand hat uns erklärt bei diesen ganzen schlauen Sprüchen, warum das wichtig ist. Wozu soll ich das tun? Heute ist ja vieles anders. Heute reden wir beispielsweise über das große Thema Achtsamkeit, mentale Gesundheit und dann auch noch Nachhaltigkeit. Aber was meinst du, wie sieht’s denn mit dem Hygienebewusstsein bei den Kindern überhaupt aus?
Tim Baral: Ja, wie du es richtig jetzt umschrieben hast, genau da sind wir am Punkt. Wir haben oder lernen auch heute noch Hygiene wie auf Kommando. Und nicht wie beispielsweise in einer Kultur, und hier meine ich dann auch speziell die japanische Kultur, um das als Beispiel immer wieder zu wiederholen. Und Hygiene ist für uns so eine Art Pflicht, und immer dann, wenn was Pflicht ist oder du was als Pflicht lernst, dann wird es nie wirklich zu deiner Haltung. Weil genau die Erklärung dazu fehlt und es nicht emotional ist.
Siegfried Lachmann: Das klingt ja schon irgendwie nach einem großen Versäumnis innerhalb der Erziehung. Wir haben Sauberkeit gelehrt, aber nicht erklärt.
Tim Baral: Genau, genau. Und Sauberkeit ist auch nicht das Putzen, wie immer alle denken, sondern Sauberkeit ist Bewusstsein. Und das muss früh entstehen. Also sprich, im Idealfall schon als Kind, damit man dann über Teenageralter bis zum Erwachsenwerden, damit man das einfach verinnerlicht, und dann funktioniert das auch.
Siegfried Lachmann: Tja, gehen wir mal ein bisschen tiefer. Was müsste sich denn ändern, damit Kinder Sauberkeit nicht als Zwang, sondern als etwas Positives empfinden?
Tim Baral: Ja, da denke ich, dass man das ganze Thema halt emotional verknüpfen muss. Das hört sich immer ein bisschen so überspitzt an, aber da gehört schon ein bisschen Stolz dazu. Da gehört auch Selbstachtung dazu. Immer in Verbindung mit Geborgenheit. Das ist auch ganz wichtig. Und wenn ein Kind merkt, ich sorge gut für mich, dann erlebt es die besagte Sauberkeit auch nicht als Kontrolle, sondern eher als Selbstwirksamkeit.
Und wie halt so Kinder so sind: Die lieben Autonomie. Und wir als Erwachsene, wir sollten ihnen halt zeigen, dass Sauberkeit Selbstbestimmung bedeutet. Und das müssen die Kinder verstehen und lernen. Und dazu sind wir verpflichtet, das vorzuleben.
Siegfried Lachmann: Ja, also damit sagst du auch: weg von „du musst“, hin zu „du darfst dich um dich kümmern“.
Tim Baral: Ja, ganz klar. Weil die Kinder, die lernen durch Gefühle und nicht durch irgendwelche Paragrafen oder sonst was. Und je früher das verankert wird, desto tiefer bleibt es.
Darum lernen die Kinder beispielsweise in Japan auch in den ersten Schuljahren jetzt nicht irgendwie wie bei uns „1 plus 1 gibt 2“, und dann kriegst du die Schulnote 1 bis 6. Und das fängt schon in der ersten, zweiten Klasse an. Sondern die lernen die ersten Jahre solche Dinge wie: Ich muss gucken, dass mein Platz sauber gehalten ist, damit, dass ich meinen Dreck wegmache. Einfach die Werte und die Kultur, das wird gelernt, und erst dann kommt auch die Leistungsbewertung zu einem späteren Zeitpunkt.
Siegfried Lachmann: Ja, was können denn Eltern konkret tun, um das vorzuleben, ohne in diesen alten Befehlston zu rutschen?
Tim Baral: Ja, würde man sagen, es sind so drei Punkte. Erstens muss man Vorbild sein. Also auch wieder das Thema Kindererziehung: Du kannst deine Kinder erziehen, wie du willst, sie werden doch so wie du.
Dann, der zweite Punkt, würde ich sagen, dass man Routinen schafft, Routinen, aber die mit Freude auch erfüllt und nicht irgendwie mit Druck, dass man einfach … Jeder Mensch hat seine Routine, und das ist auch wichtig, damit man irgendwo geordnete Bahnen hat, wo man sich ein bisschen orientieren kann.
Ja, der dritte Punkt, das ist die positive Sprache. Und nicht mehr „Putze jetzt unser Bad“, sondern „Komm, lass uns unser Bad schön sauber machen“. Das klingt vielleicht auch anders. Also du verstehst, was ich dir sage: nicht dieser Zwang, nicht „Mach endlich sauber“, sondern, wie schon erwähnt, „Lass uns das Bad schön sauber machen“, dann fühlen wir uns alle wohl, und dann funktioniert das auch. Weil Hygiene, das soll keine Last sein, das soll ein Selbstverständnis werden.
Siegfried Lachmann: Das erinnert mich so ein bisschen an psychologische Priming-Effekte. Worte schaffen Realitäten. Wenn ich mal so zurückdenke an meine Kindheit, kann ich auch so diesen Satz sagen: Wenn Kinder hören, dass Sauberkeit etwas Schönes ist, dann wird das in den Gehirnwindungen eher emotional abgespeichert.
Tim Baral: Ja, völlig richtig erkannt. Wir müssen, und das versuche ich ja auch, das Thema, so brutal sich das anhört, versuchen zu entgiften. Also weg von der Strenge mit dem [unverständlich] und „du musst jetzt“, sondern eher hin zu „Schau mal, wie schön das jetzt sein kann“, und hin zum eigenen Stolz auch irgendwo. Kann man schon so beschreiben.
Siegfried Lachmann: Lass uns noch mal zu deinem Spezialgebiet kommen, Tim: die Toilette. Du sagst ja, sie ist ein Spiegel unserer Kultur. Wie können jetzt Eltern und Pädagogen ausgerechnet diesen Ort zu einem Lernort machen?
Tim Baral: Ja, sie müssen ihn, auf Lehrerdeutsch, enttabuisieren, würde ich jetzt mal behaupten. So, dass das Kind hoffentlich früh versteht, dass es sich in den Schulen oder in den Kitas auch sicher und sauber fühlen darf. Und dann entwickelt es auch irgendwann gesunde Grenzen, zur Selbstachtung. Und ein liebevoll eingerichtetes Kinder-WC, kindergerechte Erklärungen, vielleicht dann auch so ein kleines Hygieneritual, das kann mehr verändern, als man denkt.
Und glaub mir, ich habe mit der ein oder anderen Kindergärtnerin schon gesprochen, und wenn die mir dann die Geschichten über die Toilettennutzung erzählen, oder ich selbst habe das ja erlebt, wo meine Kinder im Kindergarten waren. Und wenn du da an den Toilettenanlagen vorbeigelaufen bist, ja, das war nicht so angenehm. Und da versteht man natürlich auch, dass viele Kinder sich da gar nicht trauen, etwas zu tun. Die kommen dann nach Hause und gehen dann zu Hause erst mal auf das WC oder die Toilette, weil sie sich einfach nicht trauen, weil dort … Es ist einfach vielleicht auch ein gewisser Ekel vorhanden.
Siegfried Lachmann: Also, kann man sagen, quasi das stille Örtchen als pädagogischer Resonanzraum.
Tim Baral: Genau, genau. Und wir sind ja jetzt nicht nur beispielsweise im Kindergarten, also bei den ganz jungen Kindern, sondern das geht ja in der Jugend weiter. Und Sauberkeit wird auch irgendwann mal zum Spiegelbild von der eigenen Identität. Und so ein Teenager, der lernt, Verantwortung für sich und seine Umgebung zu übernehmen, ja. Und das trägt er dann später auch in die Beziehungen und auch mit ins Berufsleben und überall hin mit. Und ja, die Leichtigkeit, also einfach das Thema Hygiene wieder mit Leichtigkeit und nicht mit Zwang verankern, das ist so die Kernbotschaft.
Siegfried Lachmann: Ja, und wenn das die Jugendlichen dann, oder Kinder lernen, nehmen das mit in die Jugend rein, in ihre Beziehungen, dann ist das ja wie so ein fortlaufender Generationenprozess. Und dann ist, glaube ich, das irgendwann mal geschaffen, was in Japan schon in der Kultur dann auch integriert ist.
Du, wenn wir über WASHLET sprechen, also moderne, intelligente Toiletten, könnte das ein neuer Lernmoment sein, Technik als Pädagoge?
Tim Baral: Absolut, weil so ein WASHLET zeigt: Sauberkeit ist modern, bequem und auch würdevoll. Und Kinder, die wachsen ja damit auf. Und Hygiene kann ja auch Spaß machen. Und dann wird aus Sauberkeit nicht ein Pflichtprogramm, sondern ein Lebensgefühl.
Und so blöd sich das anhört, ich habe mit der Tochter unserer Mitarbeiterin, die ist noch im Kindergarten, ein Interview geführt. Und mit zweieinhalb Jahren hat die kleine Ella mir erklärt, dass sie zu Hause lieber das WASHLET nutzt wie die normale Toilette. Und das war für mich ein Zeichen, dass selbst die Jüngsten das schon verstehen. Und wenn wir das schaffen, dass das zum neuen Normal wird, dann wird auch sich in der Gesellschaft hoffentlich relativ schnell etwas ändern.
Siegfried Lachmann: Tim, braucht die Welt wirklich mehr Hygiene oder mehr Bewusstsein?
Tim Baral: Ja, das ist ganz klar: Die Welt braucht mehr Bewusstsein. Weil dann, wenn ich das richtige Bewusstsein habe, dann entsteht die richtige Hygiene ganz automatisch. Dann braucht man gar nichts mehr tun.
Siegfried Lachmann: Weitere Frage: Was sagst du zu Eltern, die sagen, Kinder dürfen auch mal dreckig sein?
Tim Baral: Ja, klar, natürlich dürfen Kinder dreckig sein. Das gehört auch zum guten Kinderleben dazu, zum lebendigen Kinderleben. Wichtig ist nur, dass sie danach halt wieder einen Ort haben, an dem sie sich dann auch wieder richtig wohl und sauber fühlen können. Aber ansonsten, ja, Kinder dürfen dreckig und sollen auch mal dreckig sein.
Siegfried Lachmann: Ja, ganz wichtig. Wie viel Sauberkeit ist gesund, und wann wird es zwanghaft?
Tim Baral: Ja, gesund ist Sauberkeit, die dir guttut und die dir Ruhe gibt. Zwanghaft, würde ich jetzt mal sagen, wird es erst dann, wenn es Angst macht oder wenn es dein Leben irgendwo einengt. Dann sollte man da mal etwas genauer hingucken, ob es vielleicht nicht übertrieben ist.
Siegfried Lachmann: Ja, kann Sauberkeit auch zu einer Art Charaktertraining werden?
Tim Baral: Ja, bin ich überzeugt davon. Sauberkeit kann durchaus eine Art Charaktertraining sein.
Siegfried Lachmann: Und warum?
Tim Baral: Ja, weil sie Kindern, und jetzt mal nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsenen, wirklich beibringt, achtsam mit sich selbst und auch mit der Umgebung umzugehen.
Siegfried Lachmann: Ja, Tim, wir kommen langsam zum Ende. Wenn du heute mit einem Satz sagen müsstest oder, ich sag mal, sagen dürftest, was Eltern und Lehrer künftig tun sollten, wie würde dieser Satz lauten?
Tim Baral: Ja: Bringt den Kindern endlich bei, dass Sauberkeit kein Zwang ist, sondern eher ein Geschenk.
Siegfried Lachmann: Ja, das ist echt stark. Vor allen Dingen auch dieses Bild, Geschenk, kommt immer gut an. Und vielleicht wäre das ja auch die beste Investition in die Zukunft: nicht mehr Putzen lehren, sondern Bewusstsein säen.
Tim Baral: Genau, genau. Weil ich bin der Meinung, wer das früh lernt, achtsam mit sich selber und vor allem auch mit seiner Umgebung umzugehen, der wird später ganz automatisch auch achtsam mit der Welt umgehen. Und wir leben halt nun mal nur auf dieser einen Erde, und da sollte man schon eine gewisse Achtsamkeit haben.
Siegfried Lachmann: Sehr schön. Tim, tausend Dank, dass ich heute wieder mit dir zusammen sein durfte. Danke für den Dialog.
Liebe Hörerinnen und Hörer, wenn Sie das nächste Mal sehen, wie Ihr Kind Schokohände hat, nehmen Sie es mit Humor. Aber zeigen Sie Ihrem Kind, dass Sauberkeit nicht Strafe, sondern Selbstachtung ist. Denn, wie Tim Baral sagt, Sauberkeit macht glücklich, vor allem, wenn sie im Herzen anfängt.